{"id":1778,"date":"2021-04-07T07:43:50","date_gmt":"2021-04-07T07:43:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.benediktherber.de\/?p=1778"},"modified":"2026-06-08T10:14:02","modified_gmt":"2026-06-08T10:14:02","slug":"seine-gedanken-sind-gedichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.benediktherber.de\/?p=1778","title":{"rendered":"Seine Gedanken sind Gedichte"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-white-color has-text-color wp-block-paragraph\" style=\"font-size:1px\">\u00dcber den Drang zur Kunst<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Elias leidet am Locked-in- Syndrom. Er kann sich nicht bewegen und nicht sprechen. Aber er kann schreiben. F\u00fcr ihn l\u00f6st sich in diesen Momenten die Not.&nbsp;<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Foto: Fabian Fiechter<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Reise beginnt immer mit einer Wahrnehmung. So wie jetzt, da er im Familiengarten au\u00dferhalb des Trubels der Basler Innenstadt sitzt. Der Tisch ist gedeckt, sporadisch zumindest, drei Tassen, eine Dose Instant-Kaffee und Creme-Schnitten, noch in Plastik verpackt. Der Himmel zieht zu, es k\u00f6nnte Regen geben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein kurzes Luftschnappen, ein kurzes R\u00f6cheln, Elias\u2019 Atmung wird ruhiger. Sein Blick tastet sich den Garten entlang. Er sieht den Bauwagen, Lack br\u00f6ckelt von der Holzt\u00fcr. Er sp\u00fcrt den Wind, er streicht ihm durchs dichte schwarze Haar. Er riecht den Duft der Nelken, die bl\u00fchen dr\u00fcben zwischen hohem Gras. Welche Wahrnehmung es diesmal sein wird, ist egal, sie ist nur ein Hilfsmittel, die Eintrittskarte in eine Welt, in der alles m\u00f6glich ist. Wenn Elias sein Motiv gefunden hat, schreibt er Gedichte wie dieses:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die Wolken sagen<\/em><br><em>komm mit&nbsp;ich denke,<\/em><br><em>irgendwann bin ich bereit&nbsp;<\/em><br><em>den Wolkenweg aufzunehmen<\/em><br><em>werde mich f\u00fchlen wie ein K\u00f6nig&nbsp;der Winde&nbsp;<\/em><br><em>werde entlastet sein<\/em><br><em>von der Konfrontation&nbsp;<\/em><br><em>mit meinen zwiesp\u00e4ltigen Gef\u00fchlen&nbsp;<\/em><br><em>ich bin dann erl\u00f6st und frei<\/em><br><em>irgendwann bin ich bereit<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wolkenweg \u2013 September 2018<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Elias Dahler ist 25 Jahre alt und liebt W\u00f6rter. Selbst gesprochen hat er noch nie eines. Zumindest dann, wenn man unter \u201eSprechen\u201c versteht, Zunge und Lippen so zu bewegen, dass dabei Ger\u00e4usche entstehen. Seit Elias auf der Welt ist, ist ihm das nicht m\u00f6glich. Auch seine Arme und Beine kann Elias nicht bewegen. Elias leidet an einem Locked-in-Syndrom: Sein K\u00f6rper ist fast vollst\u00e4ndig gel\u00e4hmt \u2013 nur seinen Kopf und seine Augen kann er bewegen. Geistig aber ist Elias gesund. Elias war ein Gefangener seines K\u00f6rpers. Jetzt schreibt er Gedichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 1. November 1995 kam Elias in einem Krankenhaus in Basel zur Welt. W\u00e4hrend der Geburt h\u00f6rte das Herz auf zu schlagen, f\u00fcr einige Minuten wurde sein Gehirn nicht mit Sauerstoff versorgt. Die \u00c4rzte erkl\u00e4rten Dominik Dahler und Claudia Mani, Elias\u2019 Eltern, dass ihr Sohn f\u00fcr den Rest seines Lebens an einer Zerebralparese leiden werde. Durch den Sauerstoffmangel seien Teile des Gehirns irreversibel gesch\u00e4digt. Er werde sich niemals bewegen oder sprechen k\u00f6nnen. Ob er \u00fcberhaupt Situationen begreife, sei ungewiss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur ein paar Gehminuten vom Rhein entfernt, in einem von Kletterrosen und Efeu bewachsenen Innenhof im Zentrum Basels, steht das Haus der Familie Dahler. Auf dem gro\u00dfen Echtholztisch, auf dem die Dahlers normalerweise zu Abend essen, liegen Kinderfotos und Zettel mit Zeichnungen und Gedichten verteilt. Bereits als Elias noch ein Baby war, seien sie davon \u00fcberzeugt gewesen, dass er Situationen begreife, erz\u00e4hlt Dominik, der Vater, in melodischem Schweizerdeutsch. Er und seine Frau Claudia sind ein Lehrerehepaar, beide Mitte f\u00fcnfzig. Es waren seine braunen Augen, die so klar wirkten, so aufmerksam, manchmal am\u00fcsiert. Immer h\u00e4tten diese Augen Kontakt zu ihnen gesucht, sagt Dominik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie h\u00e4tten zu ihnen gesprochen. Noch heute m\u00fcsse Elias nur einen Raum mit vielen Menschen betreten \u2013 und alle Blicke seien auf diese Augen gerichtet. \u201eElias\u2019 behandelnder Neurologe sagte einmal, das Gehirn eines Kleinkindes sei wie eine Knospe\u201c, erz\u00e4hlt Claudia, die Mutter. \u201eTrotz der Hirnverletzung k\u00f6nne niemand voraussagen, wie es sich entfalten werde. Dieses hoffnungsvolle Bild hat uns sehr geholfen.\u201c<br>(&#8230;)<br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-rich is-provider-faz-net\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<blockquote class=\"embedly-card\" data-card-controls=\"1\" data-card-align=\"center\" data-card-theme=\"light\"><h4><a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/menschen\/wie-elias-mit-dem-locked-in-syndrom-lebt-und-dichtet-17274691.html\">Wie Elias mit dem Locked-in-Syndrom lebt und dichtet<\/a><\/h4><p>Elias kann sich nicht bewegen und nicht sprechen. Aber er kann schreiben. F\u00fcr den jungen Mann l\u00f6st sich in diesen Momenten die Not.<\/p><\/blockquote><script async src=\"\/\/cdn.embedly.com\/widgets\/platform.js\" charset=\"UTF-8\"><\/script>\n<\/div><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber den Drang zur Kunst Elias leidet am Locked-in- Syndrom. Er kann sich nicht bewegen und nicht sprechen. Aber er kann schreiben. F\u00fcr ihn l\u00f6st sich in diesen Momenten die Not.&nbsp; Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Foto: Fabian Fiechter Die Reise beginnt immer mit einer Wahrnehmung. 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