Ausgerechnet der Weichselzopf sollte Gegenstand von William Davissons Studien werden, als er in das ferne, unzivilisierte Polen reiste. Dieses "seltsame Gebilde aus gekräuselten, verfilzten Haaren" also. In Details wie diesem wird die kluge Selbstironie der Olga Tokarczuk sichtbar. Ist die Literaturnobelpreisträgerin von 2018 doch selbst Dreadlocksträgerin. Konservative legen der Polin das gern als Affront gegen die nationale, christliche Identität des Landes aus. Davon sichtlich ungerührt macht Tokarczuk in ihrem neuen Buch Die grünen Kinder den Haarfilz (die plica polonica) fast beiläufig zum polnischen Kulturgut und stellt implizit die Machtfrage: Wer definiert das Eigene? Sind es die Traditionen, die volkstümlichen Lebensgewohnheiten der Menschen der "Peripherie"? Oder Männer des "Zentrums", kosmopolitische Vernunftmenschen wie William Davisson, ein in Paris lebender Schotte und Medicus Seiner Königlichen Majestät Johann Kasimir von Polen? Anders formuliert und in die Gegenwart übersetzt: Was Nationalisten für typisch polnisch halten, ist ein Zerrbild, zum Teil just durch jene Eliten erzeugt, gegen die der polnische Populismus heute zu kämpfen vorgibt.

Olga Tokarczuks Die grünen Kinder ist eine Sammlung von zehn Kurzgeschichten, in Polen unter dem Titel Opowiadania bizarne erschienen – "Bizarre Geschichten". Dieses Bizarre verbindet die Erzählungen. In ihrer ersten Lesung aus dem Buch im Hamburger Thalia Theater Anfang September erklärte sie, wir begegneten dem Bizarren, dem Verkehrten, dem Nichtstimmigen immer dann, wenn wir in die Peripherie unseres Denkens vordrängen. Und das sei nötig: Nur indem wir festgefahrene Denkstrukturen aufbrächen, könne Europa seine Krisen überwinden.

In der Titelgeschichte ist es William Davisson, der sich 1656 von Paris in die Peripherie Europas begibt. In Polen, das von schwedischen und kosakischen Truppen heimgesucht wird, begleitet er den König als Leibarzt auf dessen Reisen. Eines Tages bringen die königlichen Truppen zwei Kinder von einem Jagdausflug in einem Wald mit. "Wie erlegte Rehe waren die beiden gebunden und an die Sattel geschnürt."

Davissons wissenschaftliches Interesse gilt schon bald den beiden Kindern, einem Mädchen und einem Jungen, deren Haut seltsam olivgrün ist. Doch erschüttern von nun an seltsame Ereignisse das Leben des Gelehrten. Zu allem Überfluss verletzt sich Davisson durch ein Ungeschick schwer. Im Fieber glaubt er das Muster der Welt zu erkennen: exzentrische Kreise, ausgehend vom Zentrum, einst Griechenland, Rom, Jerusalem, heute Paris, wo alles so klar, so fassbar erscheint. Mit jedem Kreis wird die Welt ein wenig brüchiger, "gleich einem moderfeuchten Leinen, das zerfällt". Er selbst ist in seinem Krankenbett gefangen an einem Ort der äußeren Kreise. Dieser ungezähmte Ort erzeugt Ekel in ihm. Davisson ist ein Naturwissenschaftler, der die Natur hasst.

Für Tokarczuk ist William Davisson der Archetyp eines Menschen, den die europäische Aufklärung hervorgebracht hat: ein Analytiker, der sich menschliche Instinkte wie Mitgefühl, Solidarität und Naturliebe abtrainiert hat. Wie William Davisson sind auch die Protagonisten der anderen Kurzgeschichten Vernunftmenschen, die sich plötzlich mit den exzentrischen Kreisen ihrer Wahrnehmung konfrontiert sehen. Man könnte auch sagen: Sie drängen zum wahren Wesen ihres Daseins vor – hinweg über die oberflächliche, glatt gebohnerte, eigentlich inhumane Hülle der Zivilisation. Oft nur kurz, um sich dann wieder in den alten Denkmustern zu verkriechen. So auch in Eine wahre Geschichte, zeitlich nun in der Gegenwart angesetzt. Dort streift ein Professor nach einem Kongress durch eine fremde Stadt: "Die alte Flanierpromenade ließ an einen Laufsteg denken. Hier konnten die Menschen einander in Augenschein nehmen, prüfen, ob jeder den entsprechenden Platz einnähme, die Bestätigung suchen, dass jeder in diese Welt passte." Gegen die ungeschriebenen Regeln dieser eleganten, aber eigentlich vollkommen entfremdeten Stadt verstößt der Professor gerade durch einen Akt der Menschlichkeit: Nachdem er einer verunglückten Frau helfen will, hält man ihn für einen Gewalttäter. Er wird zum Aussätzigen. Und es zeigt sich, dass er selbst – genau wie die Gesellschaft, die ihn umgibt – von Neurosen zerfressen ist: was, wenn sich im "dunklen Blut" der Geretteten "Millionen von HI-Viren tummelten, die eben dabei waren, durch mikroskopisch winzige Hautdefekte in seinen Körper einzudringen?!"

Mitunter sind Tokarczuks Parabeln dystopisch und so tiefschwarz, dass sie Folgen der Netflix-Serie Black Mirror sein könnten. Wissenschaftlicher Fortschritt oder Vernunft sind bei ihr nie etwas Segensreiches, sie führen den Menschen nur weiter weg von seinem eigentlichen Kern. Wo ein solcher Kulturpessimismus auftaucht, ist Naturromantik nicht fern. Mit Tokarczuks sprachlicher Brillanz, den melodischen Sätzen, die zu keinem Zeitpunkt abgedroschen klingen, wirkt das aber nie kitschig.

Am Ende der Titelgeschichte Die grünen Kinder findet sich eine solche Stelle. Das Mädchen erzählt von einem Ort, an dem die Menschen auf Bäumen leben und in Höhlen schlafen: "Manchmal, wenn sie auf den allerhöchsten Baum klettern, ahnen sie in weiter Ferne unsere Welt, sehen den Rauch der verheerten Dörfer, riechen den Brandgeruch verkohlter Leichen. Dann huschen sie rasch unter das Laubdach zurück, sie wollen sich nicht die Augen besudeln mit solchen Bildern, nicht die Nase verderben mit solchen Gerüchen." Man will sich dann Tokarczuk selbst vorstellen, wie sie in ihrem Waldhaus sitzt an der tschechisch-polnischen Grenze, in diesem äußersten der exzentrischen Kreise, in den sie sich zum Schreiben zurückzieht. Und wie sie beim Pilzesammeln manchmal, aber nur manchmal, an Kaczyński, Trump oder Putin denken muss.

Olga Tokarczuk: "Die grünen Kinder". Erzählungen; aus dem Polnischen von Lothar Quinkenstein; Kampa Verlag, Zürich 2020; 240 S., 22,– €, als E-Book 16,99 €