Über Identität im digitalen Zeitalter

Die Mode verlässt die analoge Welt, denn für Zoom brauchen wir sie nicht. Kleidung aus Codes und Pixeln schont Ressourcen – und verhilft uns zu einem neuen Selbstbild. 

Jeder gesellschaftliche Umbruch bringt eine neue Mode hervor, heißt es. Nach der Französischen Revolution verdrängte jakobinische Schlichtheit den Pomp des Ancien Régimes, die Roben und die gepuderten Perücken. Der Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg brachte den Petticoat, die 68er den Parka.

Bei der Coronakrise ist es komplizierter. Oberflächlich betrachtet könnte man die Jogginghose für die Modeerscheinung der Pandemie halten. Doch ist sie das im Grunde gar nicht, weil sie prinzipiell nichts ausdrücken will. Sie wird nicht gesehen, verschwindet im Zoom-Meeting außerhalb des Bildausschnitts (auch wenn es Ausnahmen gibt: Die „Vogue“-Chefin Anna Wintour kombinierte eine rote Jogginghose auf Instagram geschmackvoll mit Retro-Sonnenbrille und Rollkragenpullover – und deutete die sie so zu einem Stilelement um). 

Wir müssen genauer hinsehen, um den möglichen epochalen Wandel zu erkennen, den die Pandemie zwar nicht ausgelöst, aber doch beschleunigt hat. Statt einfach nur ihre Erscheinungsform zu ändern – länger oder kürzer, plüschiger oder schlichter – könnte Mode erstmals etwas vollkommen Neues werden: nicht mehr Stoff, sondern ein Code aus Bytes und Pixel. In einer Zeit, in der virtuelle Räume im Leben der Menschen immer allgegenwärtiger werden, könnte die Mode erstmals die analoge Welt verlassen. Denn auch das Digitale Ich sehnt sich nach Ausdruck.

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