Über den Drang zur Kunst

Elias leidet am Locked-in- Syndrom. Er kann sich nicht bewegen und nicht sprechen. Aber er kann schreiben. Für ihn löst sich in diesen Momenten die Not. 

Die Reise beginnt immer mit einer Wahrnehmung. So wie jetzt, da er im Familiengarten außerhalb des Trubels der Basler Innenstadt sitzt. Der Tisch ist gedeckt, sporadisch zumindest, drei Tassen, eine Dose Instant-Kaffee und Creme-Schnitten, noch in Plastik verpackt. Der Himmel zieht zu, es könnte Regen geben.

Ein kurzes Luftschnappen, ein kurzes Röcheln, Elias’ Atmung wird ruhiger. Sein Blick tastet sich den Garten entlang. Er sieht den Bauwagen, Lack bröckelt von der Holztür. Er spürt den Wind, er streicht ihm durchs dichte schwarze Haar. Er riecht den Duft der Nelken, die blühen drüben zwischen hohem Gras. Welche Wahrnehmung es diesmal sein wird, ist egal, sie ist nur ein Hilfsmittel, die Eintrittskarte in eine Welt, in der alles möglich ist. Wenn Elias sein Motiv gefunden hat, schreibt er Gedichte wie dieses:

Die Wolken sagen
komm mit ich denke,
irgendwann bin ich bereit 
den Wolkenweg aufzunehmen
werde mich fühlen wie ein König der Winde 
werde entlastet sein
von der Konfrontation 
mit meinen zwiespältigen Gefühlen 
ich bin dann erlöst und frei
irgendwann bin ich bereit

Wolkenweg – September 2018

Elias Dahler ist 25 Jahre alt und liebt Wörter. Selbst gesprochen hat er noch nie eines. Zumindest dann, wenn man unter „Sprechen“ versteht, Zunge und Lippen so zu bewegen, dass dabei Geräusche entstehen. Seit Elias auf der Welt ist, ist ihm das nicht möglich. Auch seine Arme und Beine kann Elias nicht bewegen. Elias leidet an einem Locked-in-Syndrom: Sein Körper ist fast vollständig gelähmt – nur seinen Kopf und seine Augen kann er bewegen. Geistig aber ist Elias gesund. Elias war ein Gefangener seines Körpers. Jetzt schreibt er Gedichte.

Am 1. November 1995 kam Elias in einem Krankenhaus in Basel zur Welt. Während der Geburt hörte das Herz auf zu schlagen, für einige Minuten wurde sein Gehirn nicht mit Sauerstoff versorgt. Die Ärzte erklärten Dominik Dahler und Claudia Mani, Elias’ Eltern, dass ihr Sohn für den Rest seines Lebens an einer Zerebralparese leiden werde. Durch den Sauerstoffmangel seien Teile des Gehirns irreversibel geschädigt. Er werde sich niemals bewegen oder sprechen können. Ob er überhaupt Situationen begreife, sei ungewiss.

Nur ein paar Gehminuten vom Rhein entfernt, in einem von Kletterrosen und Efeu bewachsenen Innenhof im Zentrum Basels, steht das Haus der Familie Dahler. Auf dem großen Echtholztisch, auf dem die Dahlers normalerweise zu Abend essen, liegen Kinderfotos und Zettel mit Zeichnungen und Gedichten verteilt. Bereits als Elias noch ein Baby war, seien sie davon überzeugt gewesen, dass er Situationen begreife, erzählt Dominik, der Vater, in melodischem Schweizerdeutsch. Er und seine Frau Claudia sind ein Lehrerehepaar, beide Mitte fünfzig. Es waren seine braunen Augen, die so klar wirkten, so aufmerksam, manchmal amüsiert. Immer hätten diese Augen Kontakt zu ihnen gesucht, sagt Dominik.

Sie hätten zu ihnen gesprochen. Noch heute müsse Elias nur einen Raum mit vielen Menschen betreten – und alle Blicke seien auf diese Augen gerichtet. „Elias’ behandelnder Neurologe sagte einmal, das Gehirn eines Kleinkindes sei wie eine Knospe“, erzählt Claudia, die Mutter. „Trotz der Hirnverletzung könne niemand voraussagen, wie es sich entfalten werde. Dieses hoffnungsvolle Bild hat uns sehr geholfen.“

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