„Der Merkantilismus sollte irgendwann überwunden werden“

Jean-Baptiste Colbert gilt als Erfinder des Merkantilismus. Der Berater von Louis XIV. prägte das wirtschaftliche Denken des Frühkapitalismus. Der Ökonom Peter Spahn erklärt, warum diese Strategie auch in der Ära Trump noch relevant ist und warum Deutschland endlich die Binnennachfrage stärken muss

  • Peter Spahn ist emeritierter Professor der Universität Hohenheim und Vorsitzender des Ausschuss für die Geschichte der Wirtschaftswissenschaften

    Herr Spahn, Jean-Baptiste Colbert gilt als der Begründer des Merkantilismus. Was genau versteckt sich hinter diesem Begriff?
    Der Merkantilismus hat zwei unterschiedliche Dimensionen: die eine greift auf Ebene der Binnenwirtschaft, die andere auf der des Außenhandels. Bei der ersten geht es um die staatliche Lenkung der Industrie – durch den Bau königlicher Manufakturen beispielsweise. Man vertraut dem Markt nicht, hilft deshalb nach. Wichtiger für das Verständnis heutiger Phänomene ist aber die zweite Dimension: Der Merkantilismus will Exportüberschüsse erzielen. Das kurbelt nämlich die Beschäftigung an. Dieses Denken ist der keynesianischen Wirtschaftspolitik sehr verwandt.

    Der Sonnenkönig Louis XIV musste ein stehendes Heer finanzieren, hatte einen ausschweifenden Lebensstil. Das alles war sehr teuer. Jean-Baptiste Colberts Aufgabe war es, die maroden Staatskassen zu füllen – vor allem durch hohe Steuerabgaben. Hatte seine Strategie Erfolg?
    Das ist eine zweischneidige Angelegenheit. Zu Beginn des modernen Kapitalismus haben die Staaten natürlich verschiedene Wege verfolgt, sich zu etablieren. Das, was Colbert damals machte, würde man heute eine interventionistische Wirtschaftspolitik nennen. Sie förderte – um im zeitgenössischen Jargon zu bleiben – nationale Champions. Damit kann man, zumindest zeitweilig, auf dem internationalen Markt bestehen. Und die Einnahmen aus dem Exporten spülen Steuern in die Staatskasse. Auf der anderen Seite hemmen die Einschnitte in die Wirtschaft die Innovations- und Wettbewerbsfreude im Inland…

    Ein Kritikpunkt, der gerade von liberalen Ökonomen stark gemacht wurde…
    Ja. David Ricardo oder Adam Smith sahen, dass der Erfolg des Außenhandels nicht von der Nettobilanz, sondern vom Grad der Arbeitsteilung abhing. Je spezialisierter eine Volkswirtschaft ist, desto produktiver ist sie, so die Analyse Adam Smiths. Jeder Staat habe demnach einen bestimmten Wirtschaftsbereich, auf den er sich fokussiert. Diese Spezialisierung könne sich dann am besten auf freien Märkten entfalten. Zölle und Subventionen, die Importe reduzieren und Exporte steigern sollen, wären da nur hinderlich.

    Gibt es Situationen, in denen eine merkantilistische Strategie sinnvoll für eine Volkswirtschaft ist?
    Absolut. Besonders für unterentwickelte Staaten. Der Merkantilismus ist vielleicht die einzige Entwicklungsstrategie, die funktioniert. Es gibt zwei Möglichkeiten. Man kann Staaten, die an wirtschaftlicher Armut leiden, Importüberschüsse ermöglichen – also Güter schenken. So sieht die gegenwärtige Strategie in Bezug auf Afrika aus. Hat aber nie wirklich funktioniert. Die umgekehrte Strategie sehen wir in fernostasiatischen Ländern, allen voran in China. Eine auf Exportüberschüsse basierende Wirtschaft hat das Land aus der Armut geführt. Allerdings: Der Merkantilismus steht eigentlich nur am Beginn einer sich industrialisierenden Volkswirtschaft. Und sollte irgendwann auch überwunden werden.

    Warum sollten Volkswirtschaften ab einer bestimmten Größe keine Netto-Gewinne mehr erwirtschaften?
    Wenn eine Gesellschaft permanent exportiert, produziert sie Waren für das Ausland. Sie investiert so im Grunde in die Wohlfahrt anderer Länder. Im Umkehrschluss heißt das: Importiert eine Gesellschaft mehr, als sie exportiert, hat sie mehr Güter zur Verfügung, als sie selbst produziert. Das bringt ihr einen Wohlfahrtsüberschuss. Viele Länder, die die Weltwirtschaft dominiert haben – ob England oder die USA bis heute – waren geprägt durch Leistungsbilanzdefizite. Sie waren und sind in der glücklichen Situation, dass es auf dem Weltmarkt eine große Nachfrage nach den Schuldscheinen ihrer Währung gibt. Das gilt natürlich insbesondere für US-Dollar-Wertpapiere, die als sichere Assets nachgefragt werden. Das heißt: Die USA kann sich jedes Jahr in dem Maße neu verschulden und zusätzliche Güter importieren, wie der Weltmarkt Dollarpapiere nachfragt. Dieses Privileg bringt ihnen einen großen Wohlfahrtsgewinn.

    Wie erklären Sie sich, dass es gerade die Trump-Administration ist, die dem Handelbilanzdefizit den Kampf ansagt?
    Das liegt daran, dass es neben der Wohlfahrtsperspektive – aus der der Merkantilismus wie gesagt schlecht abschneidet – noch eine zweite Perspektive gibt: Die Beschäftigung. Je mehr exportiert wird, desto mehr Arbeitsplätze gibt es. Gerade die alten Industriebereiche der USA sind im globalen Wettbewerb zurückgefallen. Deshalb haben wir dort große Arbeitsmarktprobleme. Donald Trumps Wahlversprechen war es, in den alten Industriebereichen die Beschäftigung anzukurbeln. Das Mittel dafür ist die Außenhandelspolitik, zum Beispiel über Zölle.

    Wird Trump damit Erfolg haben?
    Wie eben beschrieben, kann es ja in den frühen Entwicklungsstufen einer Volkswirtschaft sinnvoll sein, auf Exporte zu setzen. Ob das für die USA zutrifft, glaube ich nicht. Merkantilismus ist eine eher defensive Strategie: Man gibt zu, dass man im internationalen Wettbewerb in bestimmten Bereichen zurückgefallen ist – um mit dem groben Mittel der Handelsbehinderung etwas gut zu machen, was man an anderer Stelle versäumt hat.

    Kann man sagen, dass Trump ein Neo-Merkantilist ist?
    Naja, der Merkantilismus hat ja zwei Stoßrichtungen. Neben dem Außenhandel geht es auch um tiefgreifende Eingriffe in die Wirtschaft, um eine hohe Steuerlast, um die Förderung von Staatsunternehmen – die binnenwirtschaftliche Ebene. Trump ist für mich kein Vertreter des binnenwirtschaftlichen Merkantilismus.

    Auch Deutschland wird eine merkantilistische Außenhandelspolitik nachgesagt. Man ist stolz darauf Exportweltmeister zu sein. Auch wenn sich Kritik aus dem Ausland an der deutschen Dominanz auftut: Die Erfolgsgeschichte wird kaum infrage gestellt.
    Ja. Fachleute sagen, man kann dem deutschen Wirtschaftsministerium keine kritischen Fragen zur deutschen Exportüberschusspolitik stellen. Man würde nur auf Unverständnis oder politischen Widerstand stoßen. Tatsächlich waren die 50er und 60er Jahre in Deutschland eine sehr erfolgreiche merkantilistische Phase. Die Beschäftigung war gut, obwohl die Vertriebenen aus dem Osten in den Arbeitsmarkt integriert werden mussten. Dies gelang durch einen starken Industrialisierungsschub, der eine große Produktivitätssteigerung erzeugte – und der Export dieser Waren hat die D-Mark zu einer weltweit bekannten und angesehenen Währung gemacht. Über die Wirtschaftswunderphase Deutschlands ist das Gerede des Exportweltmeisters Teil der deutschen Identität geworden. Kaum einer fragt heute, ob das noch sinnvoll ist.

    Sie schon?
    Die Bundesrepublik hat es im Laufe der Entwicklung versäumt, die Wirtschaft schrittweise umzustellen – auf eine binnenwirtschaftlich ausgerichtete Nachfrage.

    Wie würde das konkret aussehen?
    Besonders erfolgreich im Export ist die deutsche Wirtschaft im verarbeitenden Sektor. Bei Maschinen oder Autos. Fingen wir jetzt an,  Exporte abzuwürgen, würde das zum Verlust vieler Arbeitsplätze führen. Es kann also nicht darum gehen, Exportüberschüsse zurückzudrängen. Vielmehr müssten wir die gesamte Wirtschaft umbauen, indem wir beispielsweise über die Digitalisierung ein Wachstum des Dienstleistungssektor vorantreiben. Im Ergebnis hätten wir dann eine stärker binnenwirtschaftlich orientierte Wirtschaftsstruktur. Die Nachfrage käme dann weniger aus dem Ausland, sondern von privaten Haushalten, der Industrie und dem Staat. Ich vermute, dass eine solche Umstrukturierung zumindest vorübergehend mit staatlicher Unterstützung einhergehen müsste.