Über die Kunst des Verlierens

Suleyman Dag wird fürs Verlieren bezahlt. Ich habe mich mit dem Boxer auf eine Partie “Mensch ärgere dich nicht“ getroffen – und ihn gewinnen lassen.*

Heute wird mich ein Mann schlagen, der sich selbst »lebender Sandsack« nennt. Der so viel einstecken muss wie kaum ein anderer. Suleyman Dag, 39 Jahre alt, wird dafür bezahlt, sich verprügeln zu lassen. Einmal im Monat, seit einem Jahrzehnt, für hundert Euro pro Runde. Dag ist das, was man in der Boxbranche einen Journeyman nennt: Er tritt bei Kämpfen an, bei denen er weiß, dass er sowieso verlieren wird.

Heute bin ich Dags Journeyman, zumindest im übertragenen Sinn. Ich will ihn bei »Mensch ärgere dich nicht« gewinnen lassen – in dem Spiel, das den richtigen Umgang mit der Niederlage sogar im Namen stehen hat. Und herausfinden, wie es sich anfühlt, bei einem Spiel anzutreten, bei dem ich nicht gewinnen darf.

Dag, hauptberuflicher Anlagenbauer, ist in seiner Freizeit Dauerverlierer – Mittelgewichtsklasse. Die vergangenen 55 Kämpfe hat er verloren, insgesamt sind in seiner Profibilanz 92 Niederlagen verzeichnet. Mit Sicherheit werden es noch mehr werden, wahrscheinlich wird er nie wieder gewinnen. Dag geht nicht mehr ins Training. Um sich verprügeln zu lassen, muss er nicht trainieren.

Foto: Jörg Sarbach

Nienburg an der Weser, auf halber Strecke von Hannover nach Bremen – klinkersteinrotes Niedersachsen. Im einzigen gelben Haus der Straße: Es dauert einige Minuten, bis Dag die Tür öffnet. Dann steht er da, untersetzt, deformierte Boxernase, sein Bauch spannt das dunkelblaue Hemd. Er musste noch schnell Alena virtuell dazu holen. Über den Bildschirm seines Handys grüßt mich seine Frau. Sie haben sich bei einem Box-Event in Russland kennengelernt. Das gehört zu den guten Dingen am Dasein als Journeyman, auf Deutsch Wandergeselle – man kommt viel herum.

Dag ist frisch eingezogen. Im Wohnzimmer stehen noch die Umzugskartons: Medaillen, Pokale, Reliquien aus einer Zeit, in der sich Dag für einen Siegertypen halten durfte. Ein komprimiertes Boxerleben.

Es geht los. Glastisch und Eckcouch bilden den provisorisch eingerichteten Ring für unseren Fight. Dag wählt die roten Spielfiguren. Früher, als er noch gewinnen durfte, habe es ihm Glück gebracht, wenn er aus der »roten Ecke« kam. Er würfelt zuerst, gleich beim zweiten Versuch eine Sechs: Er kommt mit der ersten Spielfigur heraus. Mir gelingt das nicht auf Anhieb. So weit, so gut.

Es war Ende der 1990er Jahre, als Dag seine erfolgreichste Zeit durchlebte: Beszirksmeister, Nie- dersachsen-Meister, Nordwestdeutscher Vizemeister. Dag stieg damals für Ruhm in den Ring, nicht für Geld: Er war Amateurboxer.

Danach versuchte er sich als Profi: »Das war immer mein Traum«, sagt Dag. Er dachte, er könne es schaffen, allein über sein Talent. Nach vier Siegen in den ersten sieben Kämpfen habe er zu spüren bekommen, wie Profiboxen in Wirklichkeit funktioniert. Regel Nummer eins: Ohne Unterstützung bist du ein Nichts. Er verlor einen Fight, sein Förderer sprang ab – und niemand habe Dag mehr buchen wollen. Erst als ein Promoter ihn davon überzeugt habe, als Journeyman absichtlich zu verlieren, sei er in den Boxring zurückgekehrt.

Reliquien einer erfolgreichen Zeit. Foto: Jörg Sarbach

Wir beide haben unsere ersten Spielfiguren auf dem Feld, da würfele ich zweimal hintereinander eine Sechs. Da ich unbedingt verlieren will, ist das keine gute Entwicklung. Natürlich vermeide ich es, mit einem weiteren der Spielsteine herauszukommen. Stattdessen laufe ich die insgesamt zwölf Felder, bin nun schon gefährlich nahe am Ziel. Zu meinem Glück zeigt der Würfel von Dag die drei Augen an, die er braucht. Er rückt mit seiner Figur auf das Feld vor, auf dem ich stehe. Ich muss zurück zum Start. »Ich hab’ dich geboxt«, sagt Dag. Passt ja.

Irgendetwas in mir stemmt sich gegen meine Spielweise. Es fühlt sich unnatürlich an, freiwillig zu verlieren. Wie muss es Dag ergehen? Der mehrfache Bruch der Nase ist das eine, den kann man sehen. Der Bruch seines Selbstbewusstseins ist subtiler. Sein Ego schützt er durch den Konjunktiv: »Würde ich trainieren, dann würde ich auch gewinnen.« Warum macht Dag das überhaupt noch mit? Hundert Euro bekommt er pro Runde im Ring. »Wir Boxer sind wie eine Familie«, sagt er. Ich denke mir: Das alleine kann es nicht sein.

Es reicht nicht, schlecht zu spielen. Ich muss betrügen, damit ich auch sicher verliere. Dag erzählt, scheint abgelenkt. Das ist meine Chance: Ich bewege meine Figur einfach in die falsche Richtung, entgegen dem Uhrzeigersinn. Vier Schritte, genauso viel, wie mein Würfel anzeigt. Dag bekommt davon nichts mit.

Seine Misere hänge mit den Strukturen der Boxwelt zusammen, erzählt Dag: Wer Geld hat, die Unkosten eines Kampfes zu bezahlen, hole sich oft einen Journeyman. Er wisse, dass er dann keine wirkliche Gegenwehr erwarten muss – und die Bilanz, quasi die Währung des Sports, verbessert sich. Um gegen wirklich starke Gegner, vielleicht sogar um Titel kämpfen zu können, braucht er eine möglichst makellose Statistik. »Boxen ist Business-Show mit Blut«, sagt Dag.

Die Gefahr, sich ernsthaft zu verletzen, sei bei Journeymen besonders groß: Weil der Gegner weiß, dass er keine ernsthafte Gegenwehr erwarten braucht, habe er keine Angst. Seine Schläge kämen präziser.

Natürlich stehe es ihm offen, auch mal wieder richtig zurückzuschlagen. Vielleicht sogar mal wieder zu gewinnen. Das Problem dabei: Vielleicht würde ihn danach niemand mehr buchen.

»Dam, dam, dam … uuund ge- boxt«, ruft Dag. Wieder eine Figur von mir aus dem Spiel. »Du bist mein Journeyman«, sagt er und lacht. Mein Plan scheint aufzugehen: Drei seiner Spielsteine sind im Ziel, bei mir keiner. Für die letzte Figur fehlt ihm noch eine Eins.

Ein komprimiertes Boxerleben. Foto: Jörg Sarbach

Das letzte Mal spielte Dag »Mensch ärgere dich nicht« mit seinen Söhnen: Vier Jungen, die heute entweder in Sulingen oder Dortmund bei seinen beiden Ex-Frauen leben. Der Jüngste ist sieben, der Älteste 18. Alena, die Kinder, die Ex-Partner – eine Patchworkfamilie. Man sieht sich, man versteht sich. »Zumindest privat bin ich kein Loser«, sagt Dag lächelnd. Die Jungs sind auch boxbegeistert. Bald wird die Großfamilie noch Zuwachs bekommen: Alena ist im siebten Monat schwanger. Das erste Mädchen. Soll auch sie boxen? »Nein«, sagt Dag und dreht sich zum Smartphone um, von dem aus seine Frau zusieht: »Das erlaubt Alena nicht.«

Beim dritten Versuch zeigt der Würfel dann endlich die ersehnte Eins an. Dag hat gewonnen. Breites Siegerlächeln, eine Mimik, die sein Gesicht eigentlich schon verlernt haben müsste. »Vielleicht ist es doch nicht verkehrt, solche Brettspiele zu spielen«, sagt er. Nach 55 Niederlagen mal wieder zu gewinnen, sei doch etwas Schönes. Das wolle er in Zukunft häufiger erleben. Er müsse sich das Spiel auch zulegen, um mit Alena zu spielen. Ich finde, dass sich eine Niederlage noch nie so gut angefühlt hat. Auch deshalb, weil ich erreicht habe, was ich wollte. Als ich gehe, lasse ich ihm das Spiel da.

Am Schluss offenbart mir Dag den wahren Grund, warum er seine roten Boxhandschuhe überhaupt noch aus den Umzugskartons holt: Diyar, sein 18-jähriger Sohn. Er kämpft gerade bei den Amateuren, soll auch Boxprofi werden – und das erhalten, was seinem Vater verwehrt blieb: einen Unterstützer.

»Ich werde ihm zehn, zwanzig Journeymen holen. Bis zur Deutschen Meisterschaft werde ich ihn unterstützen, dann schauen wir mal weiter.«

*Diese Reportage stammt aus dem Abschlussmagazin “Klartext” der Deutschen Journalistenschule. Der Text ist an einigen Stellen überarbeitet.

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