Der Begriff der Bananenrepublik hat seinen Ursprung im Mittelamerika des 20. Jahrhunderts: Über Jahrzehnte wurde die Politik etlicher Staaten von der United Fruit Company bestimmt, dem Exporteur der bekannten Chiquita-Bananen. Es ist eine lange und traurige Geschichte von Korruption, von Steuervermeidung und von Staatsstreichen, die auch schon in der Prosa eines Gabriel García Márquez angedeutet wurde. In Hundert Jahre Einsamkeit leitet der Bau einer Bananenfabrik den Niedergang des kleinen kolumbianischen Dorfes Macondo ein. Nun setzt sich auch der andere große Autor lateinamerikanischer Literatur mit den Machenschaften der Bananenindustrie auseinander: der Literaturnobelpreisträger von 2010, Mario Vargas Llosa. Sein neuer Roman Harte Jahre spielt in Guatemala, kreist um reale Personen und beginnt mit einem Gespräch der laut Vargas Llosa in ihrer Zeit vielleicht mächtigsten Männer Mittelamerikas: Edward L. Bernays und Sam Zemurray, der eine PR-Experte, der andere Chef von United Fruit. "Machen wir uns nichts vor", sagt Bernays, als er über seine Expansionsstrategie in Guatemala doziert: Jeder Versuch, "das Land in eine moderne Demokratie zu überführen", sei "für die Company von großem Nachteil".

Im Zentrum des Episodenromans steht Marta Borrero Parra. Die junge Frau, hübsch und intrigant, von Kindheit an Miss Guatemala genannt, ist die Tochter eines einflussreichen Arztes und unglücklich mit dem Kommunisten Efrén Garcia verheiratet, der sie als Minderjährige geschwängert hatte. Eines Nachts – es ist Mitte der 1950er-Jahre – verlässt Marta Ehemann und Kleinkind, stellt sich vor den Regierungspalast und bittet die Wachmänner, sie mögen sie zum Präsidenten Carlos Castillo Armas lassen, der ein Freund ihres Vaters war. Von nun an wird Miss Guatemala die Geliebte des guatemaltekischen Präsidenten sein: "Irgendwann spürte sie, wie er ihr, als wäre es ihm selber nicht bewusst, die Hand aufs Knie legte und es langsam knetete. In dem Moment wusste sie, dass sie die tollkühne Wette (...) gewonnen hatte", schreibt Vargas Llosa über ihre Begegnung.

Nicht nur das Leben der hübschen Marta ist eng mit dem Schicksal des ganzen Landes verwoben. Vargas Llosa rekonstruiert den Niedergang der Demokratie Guatemalas von den 1940er- bis in die 1960er-Jahre durch die Aneinanderreihung loser Episoden mit Dutzenden von Protagonisten, die auf unterschiedliche Weise daran mitwirken. Da ist Carlos Castillo Armas’ Vorgänger, Präsident Jacobo Árbenz. Eigentlich ein aufrechter Politiker, der sich seinen Agrarreformen verschrieben hat: Sie sollen die Vormacht der Großgrundbesitzer beenden und Guatemala zu einer "modernen und kapitalistischen Demokratie" machen. Der vom McCarthyismus beseelte US-Botschafter John Emil Peurifoy hält das Árbenz-Regime wiederum für den Brückenkopf des sowjetischen Kommunismus auf dem amerikanischen Kontinent. Er unterstützt Carlos Castillo Armas, den uncharismatischen Rebellenführer, der nach erfolgreichem Putsch als Staatsoberhaupt Guatemalas installiert wird. Und dann ist da noch Abbes Garcia, ein undurchschaubarer Dominikaner; ein Mann, der sich in Bordellen rumtreibt und dem es nicht gelingt, "sich nur mit einem Hauch von Eleganz zu kleiden". Er wird zu einem Vertrauten Martas im Präsidentenpalast und trägt letztlich dazu bei, dass Staatschef Carlos Castillo Armas im Auftrag des dominikanischen Diktators Rafael Trujillo ermordet wird. Der Putschist wird also selbst zum Opfer des nächsten Staatsstreichs.

Das alles schildert Vargas Llosa durchaus gekonnt, springt allerdings ohne erkennbaren Plan von Akteur zu Akteur, von Zeitraum zu Zeitraum, sodass er seiner Erzählung selbst die Stringenz und damit Dramatik nimmt, die sie eigentlich besitzt. Gleichzeitig bleiben viele der Protagonisten blass, auch Marta wirkt wie ein Klischee einer Femme fatale. Die fehlende Tiefe in der Charakterzeichnung liegt vielleicht an einem Zuviel an Protagonisten, sicher aber an mangelnder Liebe zum Detail – ein Problem, das sich durch das gesamte Spätwerk Vargas Llosas zieht. Trotz dieser Schwächen ist Harte Jahre über weite Strecken unterhaltsam und lehrreich.

Nicht sonderlich subtil ist die Kritik am US-Imperialismus, auf die der gesamte Roman ausgerichtet ist. Anders als García Márquez, der zeit seines Lebens bekennender Sozialist war, spricht aus Vargas Llosa ein enttäuschter Liberaler, der von Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises geprägt wurde. Dass für die Interessen eines einzelnen Konzerns (United Fruit) demokratische Regeln ausgehöhlt wurden, ist demnach – konträr zur linken Erzählung – nicht ein Auswuchs des Kapitalismus, sondern ein Bruch mit seinen fundamentalen Prinzipien: Wettbewerb, Fairness und Rechtsstaatlichkeit. Warum wurde ein liberaler Reformer wie Jacobo Árbenz zum Feindbild der Eisenhower-Administration? Ging es um den Schutz von Frucht-Importwirtschaft? Oder war es der McCarthyismus, der wie ein tollwütiges Tier alles ansprang, was sich irgendwie mit "sozialer" Politik assoziieren ließ?

Am Ende des Romans schildert Vargas Llosa seine Begegnung mit der echten Marta Borrero Parra, inzwischen 84-jährig, die nun in den USA lebt. Nach dem Tod Castillo Armas’ floh sie in die Dominikanische Republik und wurde dort, protegiert von Diktator Trujillo, als antikommunistische Radiokommentatorin landesweit bekannt. Ob sie Árbenz wirklich für einen Kommunisten hielt, fragt Vargas Llosa sie. "Er war naiv", antwortet Miss Guatemala, "einer, den die Roten nach Belieben manipuliert haben." Dann bekreuzigt sie sich: "Wie auch immer, ich hoffe, vor seinem Tod hat er seine Verbrechen bereut und Gott konnte ihn aufnehmen in sein Reich."

Mario Vargas Llosa: Harte Jahre
Roman;  a. d. Span. v. Thomas Brovot; Suhrkamp,  Berlin 2020;  411 S., 24,– €, als E-Book 20,99 €