Über den Kampf für Normalität

Denys Shurman ist ukrainischer FIFA-Schiedsrichter. Als die Bomben in der Ukraine fallen, flieht er nach Hamburg. Hier pfeift er mit einem Mal deutsche Amateure. Und kämpft nicht nur gegen Meckerrentner und Bedeutungslosigkeit – sondern gegen das Chaos im Kopf.Fotos: Maximilian Probst, stern PLUS

Ein guter Schiedsrichter, sagt Denys Shurman, ein guter Schiedsrichter sieht Gefahren, bevor sie entstehen. Wenn zwei Spieler dem Ball hinterherjagen, hebt er kurz die Stimme, bevor sie zusammenstoßen. Er greift ein, bevor sich jemand verletzt, die Wut hochkocht, das Spiel entgleitet. Ein Schiedsrichter ist kein Regelhüter, kein Polizist. Er ist Dirigent.

Hier, auf den Bolzplätzen des norddeutschen Flachlands, wo Löwenzahn auf den Zuschauerrängen sprießt, hier wirkt Shurman wie ein Maestro auf einer Dorfbühne. Elegant trabt der großgewachsene 35-Jährige über das Feld, hebt die Arme, wenn jemand verletzt am Boden liegt, senkt sie, wenn die Spieler wütend aufeinander losgehen. Er macht nicht viel, lässt oft laufen – und doch wirkt es, als lenke er das Spiel an unsichtbaren Fäden.

Raspo Uetersen, Concordia Hamburg, TuRa Harkseide – so heißen die Vereine, bei denen Shurman pfeift – fünfte, sechste Liga, für 30 Euro pro Spiel. Oft stehen am Spielfeldrand ein paar Dutzend Zuschauer. Vor wenigen Monaten noch, bevor Putins Truppen sein Heimatland überfielen, waren es Tausende. Spiele von Dynamo Kiew, von Shakhtar Donezk, von Clubs, deren Namen in Europa nachklingen. Während Denys Shurman auf dem Feld für Ordnung sorgt, hat der Krieg die Ordnung in seinem Leben zertrümmert.

Ein verregneter Tag im Mai. Der Hamburger Siebtligist FC Falke spielt gegen Cuenca Mestallistes, einen spanischen Siebtligisten aus Valencia. Ein internationaler Amateurpokal. Knapp 300 Menschen haben sich eingefunden. Der Regen prasselt auf das Blechdach der Tribüne, über die Lautsprecher scheppern die Toten Hosen so laut, dass es Kopfschmerzen auslöst. Shurman scheint von alldem nichts mitzubekommen. “On the place, than I clap, than straight ahead” ruft er seinen beiden knabenhaftenAssistenten zu. Warm-Up-Übungen. Die Jungs setzen ernste Gesichter auf, als wollten sie damit zeigen, wie konzentriert sie sind. Der Stadionsprecher sagt: “Wir begrüßen den ukrainischen FIFA-Schiedsrichter Denys Shurman.” Das Publikum klatscht, eine Minute lang – von Shurman keine Reaktion. Dann doch, er hebt den Daumen, die Mundwinkel formen sich zu einem Lächeln, ganz kurz.

Krieg im Mittelkreis: Schiedsrichter flieht aus Ukraine nach Hamburg (stern+)

Vor Ort Ein guter Schiedsrichter, sagt Denys Shurman, ein guter Schiedsrichter sieht Gefahren, bevor sie entstehen. Wenn zwei Spieler dem Ball hinterherjagen, hebt er kurz die Stimme, bevor sie zusammenstoßen. Er greift ein, bevor sich jemand verletzt, die Wut hochkocht, das Spiel entgleitet. Ein Schiedsrichter ist kein Regelhüter, kein Polizist.


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