Über ein Refugium der Freiheit

München: Die letzte Party im Atomic Café | SPIEGEL Plus

Christian Heine, 54: Das war die letzte, wirklich die allerletzte Party in unserem Klub, dem Atomic Café. Zweieinhalb Stunden später drehte sich der Schlüssel um, für immer. Der Leichenzug war schon zu Ende, mit dem wir den Klub in der Maximilianstraße symbolisch zu Grabe getragen hatten, ein paar Stammgäste und Mitarbeiter waren noch da und wir, die beiden Geschäftsführer: Roland (der mit der Brille) und ich (der mit der Mütze), mit einem unserer DJs. 

Fast 20 Jahre lang hatten wir diesen Klub mitten in der teuren Münchner Altstadt; es war eine Art Gegenwelt – Mods, Rocker, Punk, New Wave, Britpop, Indie-Musik, Black Music, Soul: alles Mögliche, aber kein Techno. Nach 2500 Konzerten und dreimal so vielen Partys hatte jemand den Stecker gezogen – der Mietvertrag wurde nicht verlängert, Investoren kauften die Immobilie. 

Leider konnte niemand helfen, etwas Neues zu finden, auch die Stadt hatte nur schulterzuckend zugesehen. Ich denke, solche Klubs verschwinden auch deswegen, weil es keine Jugendkultur mehr gibt, die sich wirklich mit Musik identifiziert. Man ist nicht mehr Fan, sondern hört Musik eher beiläufig, in seiner Playlist. 

Wir hatten die Arctic Monkeys, hatten Mumford & Sons oder auch Muse, bevor sie richtig groß geworden sind. Das Atomic Café war ein Klub für Leute, denen Musik wirklich etwas bedeutete, das war uns wichtig, das war unsere Politik an der Tür. Es war nicht leicht, aber wir haben es geschafft, mit einer schwarzen Null rauszugehen. 

Seit Neujahr 2015 ist es also vorbei. Was ich mache? Ich suche Arbeit. Ach ja, wo wir früher waren, ist heute übrigens eine Lacoste-Filiale.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 48/2019.
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